Bericht des Berliner Café-Débats

BürgerInnen für Europa Berlin

Wahlen 2017 in Deutschland und Frankreich: Ist die Frau ein zoon politikon?1

Café-Débat im Info-Café des DFJW – 20. April 2017

 

Es diskutierten:

  • Sandrine Rousseau, stellvertretende Generalsekretärin der französischen Partei Europa Ökologie – Die Grünen (Europe Ecologie Les Verts – EELV)

  • Birga Köhler, Beirätin im Landesvorstand der Frauen Union Berlin und seit 2014 Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

  • Dr. Emilia Roig, promovierte nach zwei Masterabschlüssen über intersektionelle Diskriminierung (Politikwissenschaften) an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der SciencesPo in Lyon.

  • Sophia Becker, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik, Mitbegründerin der Kampagne „StopBildSexism“

 

Das Café-Débat wurde von Fanny Cohen und Sophia Andreotti (BürgerInnen für Europa – Berlin) moderiert und von BürgerInnen für Europa Berlin (Sophia Andreotti, Berdice Boudiaf, Clara Coornaert, Fanny Cohen und Julia Weyer) in Zusammenarbeit mit dem Info-Café des Deutsch-Französischen Jugendwerks organisiert (einen großen Dank an Alain Le Treut, Rosa Gräschke, Cécile Guarinoni und Antje Klambt).

 

(Von links nach rechts: Dr. Markus Ingenlath, Martine Méheut, Sophia Andreotti, Sophia Becker, Birga Köhler, Sandrine Rousseau, Emilia Roig, Fanny Cohen, Berdice Boudiaf)

 

Der Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) Dr. Markus Ingenlath stellte dem Publikum das Thema des Café-Débats vor und dankte den Diskutantinnen sowie den Organisatorinnen der Veranstaltung. Anschließend übernahm Martine Méheut, Präsidentin des Vereins Citoyennes pour l’Europe in Paris, das Wort und betonte, welches Glück die deutsch-französischen Beziehungen für die europäische Konstruktion darstellten und wie wichtig es sei, diese Art von Veranstaltungen zu organisieren. Sie fügte hinzu, dass die Frauen viel von Europa erwarteten, oft jedoch nicht den Mut fänden, in Organisationen mitzuwirken. Von diesem Standpunkt aus kommt den Männern eine wichtige Rolle zu: Sie müssen den Frauen das nötige Selbstvertrauen für ein bürgerliches Engagement geben. Die Diskussion war in drei thematische Schwerpunkte gegliedert, die jeweils von einer kurzen Videomontage eingeleitet wurden: „Frauen in der Politik: j’y suis, j’y reste“, „Frauen, macht, Politik: incarner le pouvoir“, „De Mutti à Merkiavel: quelle image des femmes en politique“2.

 

Als erstes legten die Diskutantinnen ihre Gründe dar, warum sie sich berührt und betroffen fühlen von der Thematik des Café-Débats.

 

Laut Emilia Roig sollte die Politik größere/weitere Gruppen repräsentieren. Die Politik sei ein zu homogenes Milieu. Ganze Interessengruppen innerhalb der Gesellschaft blieben unbeachtet, Gruppen, die ihre Rechte mit Füßen getreten sähen. Laut Sandrine Rousseau ist die Welt der Forschung, aus der sie kommt, besonders machistisch. Aber erst als sie in die Welt der Politik eingetreten sei, habe sie verstanden, wie schlimm die Situation eigentlich sei und dass die Frauen noch nicht den Platz einnähmen, den sie verdienen. Birga Köhler, die sich bereits in jungen Jahren für Politik interessierte, meint, dass es für eine Frau wichtig sei, aktiv in diesem Bereich zu sein, jüngeren Frauen so als Vorbild zu dienen und als Frau auch das Wort zu ergreifen. Sophia Becker berichtet, als sie jünger war, habe sie geglaubt, es mache keinen Unterschied, ob man Mann oder Frau sei. Erst mit dem Eintritt ins Berufsleben sei ihr klar geworden, dass etwas falsch läuft, als sich eines Tages bei einer Sitzung alle Köpfe nach ihr umgedreht haben, weil sie die einzige Frau im Raum gewesen sei.

Teil I: „Frauen in der Politik: J’y suis, j’y reste!“


 

 

Wir fragten zuerst die beiden Politikerinnen, Birga Köhler und Sandrine Rousseau, wie Frauen ihren Platz in der Politik finden können.

 

Für Birga Köhler gibt es kein Patentrezept, wichtig sei in jedem Fall Durchhaltevermögen. Man müsse die Spielregeln der Politik verstehen lernen, eines männlichen Spiels. Da geht es um Haushaltsmittel, das Beschaffen von Mehrheiten, den Aufbau von Netzwerken, die Identifikation mit Projekten. Es geht um Kommunikation und um die Fähigkeit, Machtspiele zu spielen – sowohl mit seinen Partnern als auch mit seinen Gegnern. Für Frauen könne das problematisch werden: Wie kann man Teil dieses Spiels werden, ohne sich selbst aufzugeben? Auf die Frage nach den sogenannten Powerblazern, die in einem der Videos angesprochen wurden, sagt Frau Köhler, dass Frauen, die Politik betreiben, manchmal gar keine andere Chance hätten, als sich an die Codes der Männer anzupassen. Als Beispiel zitiert sie Angela Merkel und stellt fest, dass politische Frauen in Deutschland oft gezwungen seien, sich als „asexuell“ darzustellen, um an Glaubhaftigkeit zu gewinnen. „Kurz gesagt, eine Frau muss akzeptieren, nicht immer beliebt zu sein, und sie muss ein dickes Fell haben. Das ist nicht selbstverständlich, da Frauen generell eher harmoniebedürftig sind.“

Für Sandrine Rousseau ist die Frage nach der Überlebensdauer einer Frau in der Politik entscheidender als die Frage, wie Frauen einen Platz in der Politik finden können.3 Sie spricht aus eigener Erfahrung und erklärt, dass im Rahmen der Europawahlen 2009 die „écologistes“4 auf sie zukamen. Obwohl sie damals nie daran dachte, in die Politik zu gehen, stimmte sie schließlich zu. „In der französischen Politiklandschaft findet man wenige Frauen über 50, nur die jüngeren Frauen sammeln hier Erfahrungen“, stellt sie fest. Dazu hätten Frauen viel größere Schwierigkeiten, genug Zeit für ihre politische Verantwortung zu finden, während Männer weitaus weniger Skrupel hätten, ihre familiären Pflichten zu vernachlässigen um sich ihrem Mandat zu widmen. Hinzu käme, dass die beruflichen Netzwerke der Frauen weniger ausgeprägt seien als die der Männer und dass sie zögerlicher seien, wenn es darum ginge, gemeinsame Ressourcen für ihre Karriere zu nutzen.

 

Danach haben wir unsere Diskutantinnen gebeten, ihre Position bezüglich einer Frauenquote in der Politik darzulegen.

 

Laut Sandrine Rousseau sind Quoten unentbehrlich in Frankreich, da sie vielen Frauen dazu verholfen hätten, in die Politik einzusteigen. Diese Maßnahme löse jedoch nicht alle Probleme, besonders nicht das der gleichmäßigen Zuständigkeitsverteilung. Als sie noch im Regionalrat der Region Nord-Pas-de-Calais arbeitete, waren genauso viele Frauen wie Männer unter den Mitgliedern des Regionalrates beschäftigt, die Kernkompetenzen blieben jedoch vollständig in Männerhand.

In Deutschland gibt es viele Debatten um die Einführung einer Frauenquote. Birgit Köhler ist inzwischen, wie sie selbst sagt, eine große Verfechterin der Quote, die sie als eine „angemessene Übergangslösung“ bezeichnet. „Innerhalb der CDU wurde ein Quorum aufgestellt“, das heißt, eine nicht verpflichtende Regel, nach der in den parteiinternen Wahllisten mindestens 30% an Frauen enthalten sein sollen. Allerdings gibt es keine Sanktionen bei Nichteinhaltung. „Eine Quote für die Aufsichtsbereiche in großen deutschen Unternehmen wurde bereits eingeführt, was zunächst zu Angst in den Unternehmen geführt hat. Ohne sie werden wir aber nicht weiterkommen.“

 

Anschließend erklärt uns Sandrine Rousseau ihre Beweggründe für die Verfassung ihres „Manuel de survie à destination des femmes en politique“

 

In Frankreich gibt man den Frauen nicht genug Hilfestellung, um in der Politik zurechtzukommen“, sagt sie uns. „Mein Ziel war es, den Sexismus in der Politik in Frankreich darzustellen. In der Politik zeigt er sich in Details und wir müssen gegen diese Details kämpfen, um die Dinge zu verändern. In diesem Bereich werden Frauen systematisch erniedrigt und wie Lehrlinge behandelt. Wir müssen auch systematisch die sexuelle Belästigung in der Politik in Frankreich anprangern“, fordert sie.

 

Die nächste Frage richtet sich an Emilia Roig und betrifft die Intersektionalität. Sieht sie sie als eine Doppelbestrafung oder als eine Chance?

 

Für Frau Roig ist die Antwort klar, es handele sich in erster Linie um eine Instrumentalisierung und nicht um eine Chance. „Sind Politikerinnen mit Migrationshintergrund eine Chance für die Gemeinschaft? Die Antwort ist nein“, bestätigt sie. Nur weil Christiane Taubira oder Rama Yade in der Regierung sind, heiße das nicht, dass mehr Mittel für den Kampf gegen Diskriminierung oder für die Unterstützung der Gemeinschaften, die man mit ihnen verbindet, aufgewendet würden. Sie seien außerdem nicht unbedingt die Sprecherinnen dieser Gemeinschaften. Es sei im Gegenteil eine Doppelbestrafung. In feministischen Kreisen denke man noch nicht unbedingt an Intersektionalität, man verschleiere sie eher: Der Feminismus sei noch sehr „weiß“, Najat Vallaud-Belkacem und Christiane Taubira seien während ihrer Regierungszeit vielfach angegriffen worden.

 

Da sowohl in Frankreich als auch in Deutschland die Anzahl der weiblichen Kandidatinnen bei den Wahlen sehr niedrig ist, haben wir unsere Diskutantinnen gefragt, welche Gründe es für dieses Ungleichgewicht gibt und welche Lösungen die Parteien vorschlagen, um dieses Ungleichgewicht zu beheben.

 

Sophia Becker erinnert uns als erstes an die Regeln, die diesbezüglich in den großen Parteien Deutschlands schon in Kraft getreten sind: Die SPD hat eine 40%-Quote für die Wahllisten, die CDU hat dagegen keine Quote. Birga Köhler erwähnt noch einmal das Quorum, das innerhalb der CDU angewendet wird, und fügt hinzu, dass es teilweise schon als problematisch empfunden werde, wenn eine Frau an der Spitze der Liste stehe. „Auf den Wahllisten für die Bundestagswahlen in Berlin steht Monika Grütters an erster Stelle, aber die nächste Frau folgt erst auf Platz sechs. Es gibt folglich noch viel zu tun. In Hamburg steht die erste Frau erst an fünfter Stelle. Dieses Problem muss strategisch angegangen werden. Ein anderes Problem ist, dass Frauen nicht unbedingt Frauen wählen, Männer jedoch immer für Männer abstimmen“, erklärt sie. Frau Rousseau merkt an, dass Frauen, die sich in der Politik in Machtpositionen befinden oder die es schaffen, in diesem Bereich lange durchzuhalten, oft als „Mädchen von“ oder „Frau von“ bezeichnet werden, also in gewisser Weise von ihrem Vater oder Ehemann beschützt werden. „In Deutschland hatte Frau Merkel auch die Unterstützung von Helmut Kohl. Die Frauen, die letztendlich gewählt werden, wurden von Männern ausgewählt. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb so wenig Solidarität zwischen den Frauen herrscht, weil sie in Konkurrenz zueinander stehen“.

 

Teil II: Frauen, macht, Politik: Incarner le pouvoir


 

 

Zu Beginn des zweiten Teils unseren Café-Débats fragten wir unsere Diskutantinnen, welche Frauen in der Politik zu ihren Vorbildern zählen.

 

Frau Merkel ist mein Vorbild, weil sie mir den Mut gegeben hat, an die Sache zu glauben“, sagt Birga Köhler enthusiastisch. Die darauffolgenden Antworten erweisen sich jedoch als unterschiedlich. „Ich habe kaum Vorbilder aus der Welt der Politik“, stellt Emilia Roig fest. „Ich habe eher amerikanische Vorbilder, zum Beispiel Kimberlé Crenshaw. Oder auch Christiane Taubira, weil sie ihren Idealen treu geblieben ist, ohne strategisch zu denken. Sie hat sich zum Beispiel für die Unabhängigkeit Französisch-Guayanas erklärt, als Frankreich noch kolonialistisch war.“ Sophia Becker versichert, dass sie eher keine Vorbilder von Frauen in der Politik habe, da sie selbst nicht plane, in die Politik zu gehen. „Wenn ich aber ein Vorbild hätte, wäre es Merkel“, sagt sie, „auch wenn sie ihr Frausein ein bisschen dadurch verraten hat, dass sie es nicht so in den Vordergrund gestellt hat. Sie hatte sehr wenige offen feministische Momente, das finde ich nicht so gut. Ich bin eher von Aktivistinnen inspiriert als von Politikerinnen.“

Ich habe nicht wirklich ein Vorbild aus der Welt der Politik, weil sie alle entweder zu behütet sind oder aber nur so lange mit ihrer Weiblichkeit auftrumpfen, bis sie an der Macht sind, und dann diesen Aspekt vergessen“, sagt Sandrine Rousseau. Birga Köhler resümiert, dass das Problem darin bestehe, dass es nicht genügend weibliche Vorbilder in der Politik gebe, und betont, wie wichtig es sei, Mentoren zu haben. Allerdings gebe es nur selten Mentoren für Frauen.

 

In Deutschland haben wir eine Kanzlerin, Frauen sind in beiden Ländern in Machtpositionen. Im Laufe der letzten Wahlkampagne konzentrierte sich der Wahlkampf von Ségolène Royal vor allem auf ihre Weiblichkeit. In Deutschland wie auch in Frankreich sind etliche Frauen in der Regierung und/oder arbeiten an dem Thema der Parität. Die Gleichstellung ist trotzdem noch längst nicht erreicht. Weder Le Pen noch Merkel verkörpern ein feministisches Interesse und wollen die Gleichstellung auch nicht voranbringen. Im Folgenden die Reflexionen der Diskutantinnen zu diesem Thema.

 

Emilia Roig charakterisiert die Kommunikationsstrategie von Marine Le Pen folgendermaßen: „Man kann sagen, dass Le Pen an zwei Fronten spielt: Sie betont die Tatsache, dass sie eine Frau ist, um das Bild von ihr zu mildern/enthärten, aber gleichzeitig vertritt sie keinesfalls ein feministisches Programm.“ Sophia Becker betont, dass sich die Tatsache, eine Politikerin zu sein, keinesfalls normalisiert habe. „Eher im Gegenteil, es gab einen Schlumpfineneffekt: Wenn bereits eine Frau im Kreis ist, brauchen die anderen nicht weiter vorzudringen.“ Und wenn man sich in diesem Bereich dafür einsetze und zu sagen wage, dass die Frauen noch nicht ihren Platz erhalten haben, komme die Antwort: „Was willst du, wir haben doch schon eine Kanzlerin, ihr Frauen könnt doch schon alles werden!“ Frau Becker nennt die Ernennung von Ursula von der Leyen zur Verteidigungsministerin ein gutes Beispiel für solche Situationen, so beeindruckend sei der Medienaufschrei gewesen. Die Bild-Zeitung hatte sie als „Gans in Röschen“ dargestellt, das politische Magazin Cicero mit zwei pinkfarbenen Pistolen in der Hand. „In den ‚harten‘ Bereichen wie Sicherheits- und Außenpolitik sieht man diese Inakzeptanz ganz besonders“, schließt sie ihre Aussage.

 

Als nächstes wollten wir wissen, ob nach Meinung unserer Gäste die Gleichstellung von Mann und Frau ausreichend in den Wahlprogrammen thematisiert werde – die einstimmige Antwort war: nein! Die Details:

 

Laut Emilia Roig wird viel von der Gleichheit von Männern und Frauen gesprochen, aber in der Realität passiere nichts. „Wenn die Personen, die an der Macht sind, die Entscheidungen treffen, wird es sich nicht schnell genug verändern.“ Birga Köhler erinnert daran, dass die Programme für die Bundestagswahlen zu diesem Zeitpunkt (Stand 20.04.2017) noch nicht veröffentlicht sind5, aber die Rolle der Frauen in der Gesellschaft sich eher im Rücklauf befinde. „Frauen haben sich noch längst nicht in allen Bereichen Respekt verschafft. Der Bereich der Sicherheit zum Beispiel ist noch immer sehr männlich dominiert. In den sozialen, schlecht bezahlten Bereichen findet man eher Frauen.“ Für Sandrine Rousseau ist die Gleichstellung von Männern und Frauen ein nicht vorhandenes Thema in den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. „Wir konnten eine große Anzahl an Ungeschicktheiten vonseiten einiger Kandidaten feststellen, vor allem von Emmanuel Macron und François Fillon. Die Frauen, die an der Macht sind, sind oft konservativ, für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Eine Politikerin, die außerdem Reformen fordert, das wäre zuviel“, kommentiert sie. Sophia Becker interessiert sich vor allem dafür, wie die französische rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen ihr Frausein für ihre Kampagne benutzte, was sie als ganz entscheidend für den Front National (FN) ansieht. „Wenn der Rassismus aus dem Mund eines blonden Mädchens kommt, wird er als weniger schlimm wahrgenommen“. Marine Le Pen instrumentalisiere außerdem das Thema der Gleichheit von Mann und Frau für ihre islamophobe Agenda. Ähnliche Tendenzen könne man in der CDU/CSU feststellen, zum Beispiel bei Julia Klöckner. Der Feminismus werde so zu rassistischen Zwecken missbraucht und Jens Spahn (CDU) benutze die Rechte von Homosexuellen gegen muslimische Migranten.

 

Teil III: De Mutti à Merkiavel: Quelle image des femmes en politique?

 

Spricht man anders über Politikerinnen als über Politiker?

 

Laut Sandrine Rousseau kann man von einer „sehr speziellen Behandlung der Frauen sprechen, der mit der Neuigkeit und Frische zusammenhängt.“ „Es werden immer die Kinder oder der Ehemann erwähnt,“ stellt sie fest. „Frauen werden nicht gefragt, wenn es sich um Kernthemen handelt. Frauen bekommen eine große Aufmerksamkeit der Medien, wenn sie noch jung und hübsch sind, während bei den Männern die Pyramide umgekehrt ist.“ In Reaktion auf die Aussage von Frau Rousseau zeigte sich Birga Köhler verwundert darüber, „was in Frankreich so alles möglich ist“. Eine gewisse Attraktivität in den Medien helfe immer, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Als Frau könne man das auch nutzen. „Als der Daily Telegraph über ihr Treffen für den Brexit berichtete und dabei Theresa Mays und Nicola Sturgeons Beine in den Vordergrund stellte6, nahm May es mit Humor und scherzte, dass sich die Leute dafür interessieren, was die verantwortlichen Politiker in ihrer Rolle als verantwortliche Politiker tun. Man kann das Spiel also auch mitspielen, ohne alles unbedingt negativ zu sehen“, fügt sie hinzu. Sophia Becker ist zwar der Meinung, dass man in gewisser Weise zwar die Spiele mitspielen müsse, aber manches auch zu weit gehe. Als Beispiel nennt sie den Fall von Katja Suding (FDP), die sehr präsent in den Medien war und an vielen Fernsehdebatten teilnahm. Ihr Leben wurde von Nahem beleuchtet, sie wurde objektifiziert, kritisiert Sophia Becker. „Als sie neben Herrn Lindner mit zwei anderen FDP-Politikerinnen als Drei Engel für Charly inszeniert wurde, wurde sie objektifiziert, aber es war nicht okay, da sie es selbst initiiert hat. Es ist schwer, den richtigen Weg, die richtige Balance zu finden.“

 

Sophia Becker, Mitbegründerin von „StopBildSexism“7 erzählt uns mehr über ihre Initiative

 

Die Männer sind die Zeitungsmacher und die Frauen die Objekte“ stellt sie fest. Ihre Initiative erstattet Bericht über die Inhalte der Bild-Zeitung. Die Bild-Girls seien dabei nur ein Beispiel, stünden dabei aber für den allgemeinen Eindruck: „Es sind die Männer, die sprechen, und die Frauen, über die gesprochen wird.“ Die Bild-Zeitung sei natürlich sehr stereotyp. In der Bild-Zeitung hat sie gezählt, wie viele Frauen und Männer auftauchen, und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es 66% Männer und 34% Frauen sind. 70% der vorkommenden Frauen sind in den Bereichen Unterhaltung, Skandal und Kriminalität. In der Kategorie Sport sind mehr als 80% der abgebildeten Personen Männer. Die Frauen, die dort vorkommen, sind die Freundinnen von Fußballern. In der Rubrik Politik sind es 76% Männer. In dieser Zeitung sieht man viel nackte Haut, über 80% davon nackte Frauen, die objektifiziert werden. Dies illustriere sehr schön, was die Medien generell mit Frauen und auch mit Politikerinnen machten. Als Beispiel zitiert sie einen Artikel der Bild-Zeitung, in dem Fernsehmoderatorinnen die Börsenkurse präsentierten und der die Überschrift trug: „Diese Frauen erklären uns täglich heiße Kurven.“ Das sei ein Beispiel dafür, dass Frauen sexualisiert dargestellt würden.

 

Wie werden Frauen aus Minderheiten in den Medien dargestellt?

 

Emilia Roig erklärt uns, dass Intersektionalität immer unterschiedlich vermittelt wird. Die einzige Frau in der Mitte von Männern zu sein, spiele natürlich eine Rolle. Das gleiche gelte für „sichtbare“ Minderheiten. Oft seien diese Politikerinnen gut integriert, sehr hübsch und beanspruchten keine ethnische Zugehörigkeit für sich. Trotzdem fordere man ständig von ihnen, sich zu Fragen der Integration oder zu religiösen Fragen zu positionieren. So musste auch Rama Yade ständig zu Afrika Stellung nehmen. „Und wenn sie dann zu dieser Art von Themen Stellung beziehen, wird davon ausgegangen, dass sie für ihre ganze Gemeinschaft sprechen. Das ist das gleiche Phänomen, wenn eine Frau in der Minderheit ist: Man geht davon aus, dass sie für alle Frauen spricht“.

 

Welche Möglichkeiten bieten die neuen Medien Frauen, die sich in der Politik engagieren?

 

Die neuen Medien, darunter auch die sozialen Netzwerke, sind eine enorme Chance, da sie es erlauben, neue Stimmen zu hören“, sagt Emilia Roig. „Menschen können in den Diskurs eintreten über den Umweg dieser Kanäle. Soziale Netzwerke bieten die Möglichkeit, Widerstand zu bilden. Zum Beispiel beim Women’s March, der sich größtenteils dank der sozialen Netzwerke gebildet hat. Man kann sie also als eine der größten Ressourcen der Menschen bezeichnen, die sich am Rand der Gesellschaft befinden.“ Sophia Becker möchte dahingegen auch die Gegenseite beleuchten: „Natürlich stellen die sozialen Medien eine alternative Informationsquelle dar, allerdings bringen sie auch den gesamten politischen Diskurs auf eine noch persönlichere Ebene, als er es sowieso schon ist.“ Von diesem Gesichtspunkt sei es interessant zu vergleichen, wie sich Obama und Clinton auf ihren Instagram-Accounts präsentierten. Während Clinton versuchte, sich sehr professionell darzustellen, immer in Positionen, in denen sie gerade spreche, zeigte Obama sich oft auch in „schwachen“ Positionen. Als Frau werde man sowieso reduziert auf die persönliche Ebene: Die Kinder und der Partner sind immer wiederkehrende Themen. Auf der anderen Seite ecke Frau an, wenn sie sich hart oder abweisend zeige. „Egal was man macht, immer ist es falsch“. Als Kommunalpolitikerin sieht Birga Köhler auch die negative Seite, hat das Gefühl, dass sie sehr vorsichtig sein muss, was sie von sich präsentiert, und nur wenig Privates preisgeben darf, alles habe unmittelbare Folgen. Sie fühle sich dadurch auch als Frau sozial kontrolliert, wisse jedoch nicht, ob es für die Männer auch so ist. „Aber die sozialen Medien haben auch einen positiven Einsatzbereich in der Politik“, schließt sie. Sandrine Roussseau resümiert, dass es sich um eine zwiespältige Problematik handele, für die es keine „richtige Positionierung“ gebe. „Es ist schwierig, sich als Frau so in den Vordergrund zu stellen, wie es die Männer machen, da man als Frau immer noch seriöser sein muss als sie. Die Frage des Sexismus in der Politik sei auf jeden Fall ein Thema, das Journalisten aufgreifen sollten. Es müssten wirklich Untersuchungen zu diesem Thema angestellt werden“.

 

1 Dieses zweite Café-Débat wurde von BürgerInnen für Europa Berlin (Sophia Andreotti, Berdice Boudiaf, Clara Coornaert, Fanny Cohen und Julia Weyer) in Zusammenarbeit mit dem Info-Café des DFJW organisiert.

2 „Frauen in der Politik: Ich bin hier und bleibe hier“, „Frauen, macht, Politik: die Verkörperung der Macht“, „Von Mutti zu Merkiavelli: das Frauenbild in der Politik“.

3 Siehe dazu auch das Thema „Der Kaugummi-Effekt“, den Sandrine Rousseau in ihrem „Manuel de survie à destination des femmes en politique“ (Zu Deutsch etwa: Ein Überlebensratgeber für Frauen in der Politik) vorstellt, Rousseau, Les petits matins, 2015.

4 Das französische Pendant zur Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ in Deutschland, in der Sandrine Rousseau Mitglied ist.

5 Inzwischen sind alle Parteiprogramme verfügbar unter https://bundestagswahl-2017.com/wahlprogramm/.

6 Siehe auf der Internetseite des Daily Telegraph: http://www.telegraph.co.uk/news/2017/03/28/daily-mail-tells-bbc-get-life-sexist-legs-it-story/

7 Siehe auch die Website der Initiative: https://www.stopbildsexism.com/

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